Gegen den (Sach-)Zwang. Warum Kunst Geld braucht, aber nicht zur Ware gemacht werden darf

Von Theresa Schnell und Hannah Heller
Wie viel Geld braucht die Kunst? Dieser Frage ging Theresa Schnell, Masterstudentin der Ökonomie an der Cusanus Hochschule, in einem Vortrag auf dem Theaterfestival Kulturbeutel am 4. Juni in Speyer nach. Eine Abendveranstaltung widmete sich der finanziellen Situation des Kinder- und Jugendtheaters Speyer und lud auch Politikerinnen und Politiker auf die Bühne. In einem Beitrag auf inspeyered.de blicken Hannah Heller, Mitorganisatorin der Veranstaltung und ebenfalls Masterstudentin der Cusanus Hochschule und Theresa Schnell auf die Beiträge des Abends zurück und arbeiten heraus, wie sich eine Ökonomisierung der Kulturarbeit in Speyer in Worte fassen lässt – und wo Worte fehlen.

„Ökonomisierung“ der Kultur – Was bedeutet das?
Der Begriff Ökonomisierung beschreibt die Ausweitung der ökonomischen Rationalität als dynamischen und nicht abgeschlossenen Prozess. Ende des 18. Jahrhunderts entstanden, meint er die im Rahmen der Industrialisierung stattfindende Umstrukturierung von Arbeit und Produktion: Die zunehmend profitorientierte, geldvermittelte Wirtschaft und die Entfremdung der Arbeit in den Fabriken sind charakteristisch für eine neue, kapitalistische Ökonomie. Es folgten knapp drei Jahrhunderte, in denen recht wenig von der Ökonomisierung gesprochen wurde. Seit den 2000ern und im Speziellen in der Zeit um die Finanzkrise 2008 wird der Begriff wieder häufiger benutzt. Er beschreibt jetzt vor allem die zunehmend ökonomische Orientierung und Handlungsweisen in eigentlich wirtschaftsfernen Lebensbereichen. Die Spurensuche zeigt, dass Ökonomisierung einen Prozess beschreibt, der ausgehend vom Feld der Ökonomie die Unabhängigkeit eines anderen Feldes – in unserem Fall das der Kunst – bedroht. Dies geschieht nicht nur dadurch, dass unser Wirtschaftssektor immer größer wird. Es sind vielmehr Prozesse zu beobachten, die das Feld der Kunst von innen heraus verändern: Bei Projektförderungen verlangt etwa die Kulturstiftung des Bundes Indikatoren, die den Erfolg des Projektes bestätigen. Das mag dabei helfen, die Verwendung öffentlicher Gelder zu legitimieren und Vergleichbarkeit herzustellen. Zugleich wird aber auch eine Kosten-Nutzen-Rechnung aufgemacht, die den monetären Ausgaben einen messbaren „Output“ gegenüber zu stellen versucht. Symptomatisch ist auch, wenn der Leiter eines Theaters seine Produktionen als „Produkte“ bezeichnet oder das Publikum als „Konsument_innen kultureller Angebote“ verstanden wird.

Die Art wie wir über Dinge sprechen ist Ausdruck der Konzepte, die unser Denken bestimmen. Sprache ist die Grundlage unseres sozialen Miteinanders. Wir teilen uns mit. Dabei wird Gesagtes sichtbar und erscheint sinnvoll, während Unausgesprochenes unsichtbar wird und mit der Zeit in Vergessenheit gerät. Können wir noch über Qualität oder Sinnstiftung durch Kunst und Kultur urteilen und sprechen? Oftmals wird einzig ihr Nutzen hervorgehoben und erklärt wie sie der Wirtschaft zu Gute kommt. Als „kreative Ressource“ oder „Standortvorteil“ soll sie langfristig in monetären Profit umgesetzt werden. Damit erschaffen wir ein reduziertes Verständnis dessen was Kunst sein kann und lassen es mehr Wirklichkeit werden. Eine zunehmend ökonomische Sprache zeigt, dass der_die Einzelne gleichermaßen Betroffene_r als auch Akteur_in ist. Indem beispielsweise die „Antragsprosa“ der Projektförderung akzeptiert und zumindest auf dem Papier entlang der geforderten Kriterien argumentiert wird, verändert sich auch die Sprache und damit schlussendlich die durch sie gestiftete Realität. Der Begriff der „Kulturkonsument_in“ macht aus einem aktiv beteiligten Publikum passive Käufer_innen.

Ökonomisierung zeichnet sich also auch durch den Verlust gemeinsamer Begriffe aus, die über abstrakte, ökonomische Konzepte hinausgehen. Eine Möglichkeit des Widerstands wäre demnach, anhand konkreter Fragen und Probleme über Gewohnheiten ins Gespräch zu kommen und wieder in die Sprache zu bringen, was durch die ökonomische Handlungslogik verloren geht.

Und wie fühlt sich diese Ökonomisierung an?
Genau darum ging es in der Podiumsdiskussion zu der Nicole Schneider (Kinder- und Jugendtheater Speyer), Giorgina Kazungu-Haß, (kulturpolitische Sprecherin der SPD im Landtag) und Monika Kabs (Bürgermeisterin der Stadt Speyer, CDU) geladen waren. Zunächst wurden die Fragen und Probleme, vor welchen das Kinder- und Jugendtheater Speyer aktuell steht, umrissen: Das Theater wurde 1990 als bürgerschaftliche Initiative gegründet und wird seit damals institutionell gefördert. Institutionelle Förderung bedeutet im Vergleich zur oben genannten Projektförderung eine konstante Grundsicherung, welche unabhängig von den kurzfristigen Projekten hilft die Grundlagen der Kulturarbeit zu sichern. Hierüber können langfristige Arbeitsverhältnisse und der nachhaltige Aufbau einer Infrastruktur gewährleistet werden. Während Angebot, Professionalisierungsgrad und Relevanz des Theaters für die Stadt Speyer zunahmen, änderte sich der Umfang der institutionellen Förderung nicht. Das Theater erarbeitet jährlich mehrere Stücke für Kinder und Jugendliche, welche gesellschaftliche Themen ins Blickfeld nehmen und auf der Bühne reflektieren. Zudem beheimatet es Stücke anderer Theatergruppen, die zum Verein des Theaters gehören. Dem gegenüber stehen 1,75 feste Stellen, die sich der künstlerische Leiter Matthias Folz, Nicole Schneider und der Techniker Kai Auffenfeld teilen. Offiziell in Teilzeit angestellt, arbeiten sie tatsächlich deutlich mehr, um das Haus mit all seinem Leben zu organisieren. Ihr Engagement und ihre Identifikation wird vom demokratischen Geist der Gründungszeit getragen: Ein Theater von Bürger_innen für Bürger_innen zu machen, das sich als Ort der Teilhabe versteht rechtfertigt für sie so manch unbezahlte Nachtschicht.

Eine Untersuchung des Landes hat im vergangenen Jahr ergeben, dass das Theater für die bisherigen Aufgaben 7 Stellen, statt 1,75 Stellen besetzen müsste, um in Zukunft nachhaltig arbeiten zu können. Doch diese Stellen werden (zumindest bisher) nicht genehmigt. Zusätzliche Gelder müssen über Projektanträge beschafft werden. Das bedeutet jedes Mal eine personelle und zeitliche Vorleistung, deren Erfolg nicht sicher ist. Dem entgegen stiftet eine nachhaltige kulturelle Arbeit ein gesellschaftliches und soziales Bezugssystem. Kunsterfahrungen und die Diskussion darüber geben uns gemeinsame Begriffe, helfen uns Urteile zu bilden und stellen so geteilte, gesellschaftliche Werte her. Im Fall des Kinder- und Jugendtheaters wird diese Arbeit durch ein verlässliches Bildungs- und Kulturangebot ermöglicht, welche aber oft nicht den Förderzielen entspricht. Kriterien für einen möglichen Projektförderantrag sind zumeist Innovation und wechselnde sozialpolitische Ziele. Ein Vermittlungsprogramm, das auf Beständigkeit abzielt, hat es oftmals schwer, so Christina Beeck, freischaffende Theaterpädagogin am Kinder- und Jugendtheater. Sie ist von diesem Problem direkt betroffen, da sie sich ihren Lohn jedes Mal neu über die genannten Projektmittel beantragen oder über Kursgebühren erwirtschaften muss. Hier wird deutlich, wie schwer es eine freie, pädagogische Arbeit, welche nicht schon bei Antragstellung ihre Ziele und „Outputs“ klar definieren kann, hat.

Was ist also los in Speyer und Rheinland-Pfalz? Das fragen sich neben der Gastgeberin Hannah Heller von der stadtpolitischen Initiative InSPEYERed sowohl die Hauptamtlichen, als auch die zahlreichen Ehrenämtler_innen. Die Stadt, so Bürgermeisterin Frau Kabs, würde gerne mehr geben, ist zugleich jedoch eingezwängt in bestehende Strukturen: Kultur fällt in den Bereich der freiwilligen kommunalen Aufgaben und unterscheidet sich damit von beispielsweise der sozialen Daseinsvorsorge, die zur kommunalen Pflicht gehört. Kunst- und Kulturarbeit wird dann gefördert, wenn etwas übrigbleibt. Das Problem: Es bleibt immer weniger übrig. Die Sozialausgaben weisen eher eine steigende Tendenz auf und der Bund fordert in Folge der 2012 beschlossenen Schuldenbremse jedes Jahr stärkere Einsparungen. Dass genug eingespart wird, bewacht der kommunale Entschuldungsfonds (KEF), dieser ist wiederum der Aufsichts- und Dienstleitungsdirektion (ADD) berichtspflichtig. Wenn argumentativ, wie es auch auf dem Podium geschehen ist, die kommunale Förderung von Sportvereinen, Bibliotheken und eben Kulturorganisationen gegeneinander ausgespielt wird, stellt sich neben der finanziellen Frage auch die nach einer bewusst politischen Entscheidung: In was für einer Gesellschaft wollen wir leben und was braucht es für eine lebendige, gesellschaftlich interessierte und kulturell offene Stadt?

Die Stadt sieht die Förderung des Theaters nun durchaus als eines ihrer Anliegen. Außerdem wird das städtische Gebäude des Theaters nun endlich grundsaniert. Dies ist jedoch grundsätzlich nötig, ob da nun ein Theater verweilt oder eine Behörde tagt. Die Stadt hat zugesagt die institutionelle Förderung des Kinder- und Jugendtheaters zu erhöhen – wenn das Land denselben Betrag dazu gibt. Noch blockiert das Land die Erhöhung. Erst im Doppelhaushalt 2019/2020 gibt es möglicherweise den Spielraum zur Erhöhung. Die Gründe, welche die Landtagsabgeordnete Kazungu-Haß dafür nennt, sind ähnlich wie die der Stadt: Die Schuldenbremse, die Entscheidungen der ADD und die in Folge geringen Mittel lassen nur ein „entweder-oder“ bei der Verteilung der Fördergelder zu: Man könne mit den immer geringeren Mitteln eben nur wenige Kulturangebote institutionell fördern. Als Alternative wird auf diverse Projektmittel verwiesen, um die es sich zu bewerben gilt. Dass dies einen kaum zu bewältigenden Arbeitsaufwand mit sich bringt, wird anhand der (einzigen) Forderung, die von den Akteur_inne auf dem Podium und im Publikum im Laufe des Abends formuliert wurde deutlich: Es solle ein Kulturmanagementbüro im Zentrum Speyers eingerichtet werden, indem ein_e hauptamtliche_r Kulturmanager_in das Einwerben von Projektmitteln für die freie, also nicht institutionell geförderte, Kulturarbeit übernimmt.

Die Einrichtung eines Kulturmanagementbüros ändert an dem zu Grunde liegenden Trend jedoch nichts. Die öffentliche Förderung von Theatern in Deutschland ist von 1,7 Mrd. Euro zu Beginn der 1990er Jahre auf 2 Mrd. Euro in 2010 gestiegen. Das ist eine sehr geringe Steigerung, wenn man den Anstieg der Lebenshaltungskosten mit berücksichtigt. Die meisten Kosten im Theater entstehen durch die Gehälter der Mitarbeitenden, welche eigentlich die gestiegenen Lebenshaltungskosten abbilden müssten. Diese Kosten blieben deswegen niedrig, weil die deutschen Theater insgesamt 6000 Stellen weniger besetzt haben als noch in den 1990er Jahren. Trotz steigendem Wohlstand und steigenden Steuereinnahmen. Dieser Trend betrifft die gesamte Kulturförderung: Neben der verhältnismäßig gering gestiegenen absoluten Summe, ist der Anteil des Bruttoinlandsprodukts (BIP), welcher für Förderung von Kunst und Kultur verwendet wird stark gesunken. Während 1992 noch 0,21 des BIP in die Förderung von Kunst und Kultur flossen, waren es 2007 nur noch 0,15 Prozent. Es ist anzunehmen, dass die Folgen der Finanzkrise diese Situation nicht verbessert haben.

Obgleich das gemeinsame Anliegen kulturelle Einrichtungen zu erhalten während der Podiumsdiskussion also überdeutlich im Raum stand, wurden von den Teilnehmer_innen doch kaum Handlungswege gefunden oder aufgezeigt. Die Argumentation des Geldes und des Sparzwangs vorgebracht durch Begriffe wie „Schuldenbremse „, „KEF“ und „ADD“ verhinderten progressive Perspektiven oder konkrete Forderungen. Sie waren eine Art letzter Grund, ein letztes Argument, das bestätigte, dass es nun einmal keine wirklichen Alternativen gäbe. Zugleich wurde über die konkrete Bedeutung dieser Instanzen, die mit ihnen verbundenen Personen, Handlungen und Entscheidungen kaum gesprochen. Um jenseits des gemeinsamen Anliegens auch ins Handeln zu kommen, scheint es uns wichtig, diese Begriffe exemplarisch zu bearbeiten und in einen Kontext zu stellen. Wir hoffen sie damit aus ihrer Abstraktion zu lösen und hinterfragbar zu machen.

Begriffsklärung oder wer beschließt den Haushalt?
Blicken wir also einmal auf die vorgebrachten Sachzwänge, die sich inhaltlich erstens mit „fehlenden oder reduzierten finanziellen Mittel“ und zweitens mit deren Festsetzung „von oben“ an anderer Stelle zusammenfassen lassen.

Auf Bundesebene werden Überschüsse im Bundeshaushalt erzielt und unsere Wirtschaft brummt, die Steuereinnahmen steigen. Trotzdem schaffen es der Staat und vor allem die Kommunen nicht, ihre Schulden zu tilgen. 2008 stiegen diese von 1,6 Billionen auf 2 Billionen Euro an. Das sind 400 000 Millionen Euro mehr, verursacht durch die Finanzkrise. Finanzspekulationen wurden durch die öffentliche Hand abgefedert, was den Staatshaushalt belastete und so zur heutigen Verschuldung führte.

Diverse Organe wurden zur Kontrolle der Ausgaben eingeführt. Auf Bundesebene zählt hierzu die vielfach genannte „Schuldenbremse“ (2009 beschlossen), auf Landesebene die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD, schon 2000 ins Leben gerufen, aber mit weniger Kompetenzen ausgestattet als heute) und der Kommunale Entschuldungsfonds (KEF, 2009 beschlossen). Diese Institutionen sind so abstrakt, dass man nicht fragt wer hinter ihnen steht und die Entscheidungen trifft. Sie werden nicht gewählt und können deshalb auch nicht abgewählt werden. Kurzum: Sie eignen sich einerseits prächtig als Sündenbock und zeigen sich zugleich unveränderbar. Mit dem Sparzwang muss eben umgegangen werden, so die entsprechende Argumentation. Doch die schwarze Null und die mit ihr einhergehende Schuldenbremse sind politisch gemachte und keine gottgegebenen oder natürlichen Gesetze. Das wird allerdings auch darum immer unklarer, weil mit der Schuldenbremse eine verfassungsrechtliche Vereinbarung getroffen wurde und diese damit tatsächlich Teil des Gesetzes geworden ist. Die Schuldenbremse in Deutschland wurde von der Föderalismuskommission Anfang 2009, also kurz nach dem Ausbruch der Finanzkrise, beschlossen und wirkt seit 2011 mit verbindlichen Vorgaben auf der Ebene von Bund und Ländern. Damit kommen wir zum KEF, dem kommunalen Entschuldungsfond. Bei seiner Gründung geht es um die Abbezahlung von Krediten, die wegen der Finanzkrise aufgenommen werden mussten. Auch er wurde 2009 beschlossen, um 2012 rechtsgültig zu wirken. Doch er scheint nicht zu wirken. Denn die Verschuldung der Kommunen nimmt zu: von 2016 auf 2017 stiegen die Kassenkredite um fast 1 Mrd. Euro in Rheinland-Pfalz. Es muss also noch radikaler gespart werden, um Schulden abbezahlen zu können. Ebendas soll die ADD durchsetzen. Die Aufsichts- und Dienstleistungsbehörde in Rheinland-Pfalz wurde 2000 gegründet und ist eine sogenannte Mittlerbehörde zwischen dem Land und den Kommunen. Sie setzt also vor allem Beschlüsse der Legislative um. Unverständlich ist es deshalb, warum sich Landesparlamentarier_innen auf die Unumstößlichkeit der Ansagen durch ADD berufen. Sollten diese nicht über die ADD entscheiden? Anscheinend ist jene Mittlerbehörde, die nicht demokratisch legitimiert ist, mächtiger als sie es sein sollte. Oder sie wird benutzt, wie auch die Schuldenbremse und der KEF, um von der eigenen Verantwortung abzulenken. Dies hat und hätte fatale Folgen für unsere Demokratie: Wenn keine_r mehr für politische Entscheidungen verantwortlich gemacht werden kann, fördert dies Politikverdrossenheit und gefährdet die politische Teilhabe. TINA (engl. „There is no alternative“, Es gibt keine Alternative) greift um sich. Zugunsten der Rettung eines fragwürdigen Finanzsystems wird der Handlungsspielraum der Bürger_innen eingeengt.

Und was jetzt?
Alle vertretenen Akteur_innen auf der Podiumsdiskussion waren sich darüber einig, dass Kulturarbeit eine öffentlich zu fördernde Angelegenheit ist. Einig waren sie sich auch, dass die ökonomische Situation des Kinder- und Jugendtheater Speyers schlecht und eine nachhaltige Kulturarbeit gefährdet ist. Statt konkret über die langfristige Förderung zusätzlicher Stellen nachzudenken, wird jedoch auf Sparmaßnahmen verwiesen – angeordnet vom KEF und der ADD, gerechtfertigt durch die schwarze Null.

Können wir da gar nichts tun? Es gibt sehr wohl Alternativen zur Schwarzen Null. Sogar der Internationale Währungsfonds (IWF) plädiert immer öfter für einen Schuldenschnitt, um das Abbezahlen der Schulden realistischer zu machen. Dass verdeutlicht, dass die aktuelle Sparpolitik der Bundesregierung, die auch auf EU-Ebene umgesetzt wird, kaum realisierbar ist. Hypothetische Berechnungen für Berlin zeigen beispielsweise, dass die Stadt erst in 700 Jahren schuldenfrei wäre, wenn sie so abzahlt wie bisher. Es ist also fraglich, ob das momentane System überhaupt jemals einen konsolidierten Haushalt erleben wird oder überhaupt braucht.

Es hilft zu hinterfragen, woher die vermeidlichen Zwänge der Politik kommen und die Vorgänge dahinter transparent zu machen. Indem wir genau auf die Institutionen schauen, die zur Rechtfertigung gegenwärtiger Politik dienen, fordern wir von gewählten Politiker_innen Verantwortung für ihr Entscheiden zu übernehmen. Die vermeintlich unveränderlichen Institutionen dürfen nicht als Rechtfertigung herhalten. Vielmehr sind sie von Menschen gemacht und existieren meist erst seit kurzer Zeit. Zugleich wirken sie stark auf das soziale und kulturelle Leben, das Kinder- und Jugendtheater, auf unsere politische Teilhabe und kulturelle Bildung ein.

Ausblick
Über weite Teile dieses Artikels haben wir uns mit der Konkretisierung abstrakter (Spar-) Instanzen beschäftigt. Als Aus- und Weitblick steht die Suche nach gemeinsamen Wörtern, die es wagen, das, was Kunst und Kultur auszeichnet, entgegen der Ökonomisierung zu behaupten.

Die oben beschriebene Festsetzung „kultureller Produkte“ ist Folge dessen, was als „Vermarktlichung“ und „Kommodifizierung“ beschrieben wird: Der „Markt“ steht für einen Ort, an dem das, was einen individuellen Nutzen hat zum Produkt wird. Der Preis der „Produkte“ ergibt sich aus dem Nutzen für die einzelnen Käufer. Entgegen dieser Logik, die alles und jedes danach beurteilt, ob es für den einzelnen Menschen nützlich ist, betont Hannah Arendt in ihrem Buch „vita activa. Vom tätigen Leben“, dass sich Kunstwerke durch ihre Zwecklosigkeit auszeichnen. Nutzen ergibt sich nur im Gebrauch der Dinge. Dies lässt sich am Beispiel eines Kuchens, eines Stuhls, aber auch eines Autos nachvollziehen. Sie alle entfalten ihren Nutzen, indem sie verbraucht werden und verschwinden so über kurz oder lang. Sinn, so Arendt, muss dagegen beständig sein und über den_die Einzelne_n und die Menschen hinausweisen. Sinn lässt den Menschen in Kontakt treten mit einer Welt, die über seine eigenen Bedürfnisse hinausragt und darum Stabilität und Orientierung gibt. Dinge und Tätigkeiten, welche keine Nützlichkeit aufweisen, deren Ziel nicht der Gebrauch ist und die über die Interessen des Einzelnen hinausgehen, stiften Sinn und geben uns eine „irdische Behausung“. Kunstwerke gehören dazu.

Wäre es in diesem Sinne möglich entgegen dem Sparzwang und dem Rechtfertigungsdruck bei der Vergabe öffentlicher Mittel zu fordern, dass es eine staatlich geförderte und gleichermaßen zwecklose Kulturarbeit braucht? Können wir einen solchen „zwecklosen“ Raum als Ort der universalen Bildung, als Kontaktzone mit der Welt und der eigenen Verantwortung in ihr denken und verteidigen? Was würde das ganz konkret für die Arbeit des Kinder- und Jugendtheaters Speyer und seine gesellschaftliche Relevanz bedeuten? Wir möchten dazu ermutigen das gemeinsame Anliegen weiter zu formulieren und darüber Handlungsmöglichkeiten zu finden. Im Glauben daran, dass jenseits abstrakter Begriffe und gesetzter „Sachzwänge“ ein Aufrauen der Verhältnisse dort möglich ist, wo sich Gemeinschaften und Seilschaften bilden. Ein solcher Moment der Verschwesterung war auch auf dem Podium am 4. Juni mehrfach präsent und sollte gepflegt und etabliert werden: Kolleg_innen anderer freier Theater waren da und mischten sich in die politische Diskussion mit anschaulichen Beispielen aus ihrer künstlerischen Tätigkeit ein. Das Theaterpublikum nahm aktiv Anteil an der Diskussion. Das zeigt, dass sie sehr wohl an den „Produktionsbedingungen“ interessiert sind und sich als Teil davon verstehen und sich eben nicht zu „Konsument_innen“ machen lassen. Auch die Veranstalter_innen von inSPEYERed verstehen sich als Teil des kulturellen Lebens und bieten mit Veranstaltungen wie dieser eine Plattform für politische Diskussionen. Viele Potenziale lassen sich von hieraus weiterdenken: Es könnten sich Arbeitskreise gründen, eine kulturpolitische Interessenvertretung etablieren, (künstlerische) Kooperationen zum Thema der Kulturpolitik entstehen, Bühnenstücke zu diesem Thema erarbeite werden oder ein Forderungskatalog erarbeitet werden. Vieles wäre denkbar, denn wir leben in einer Demokratie, die durch die Mündigkeit ihrer Bürger_innen lebt. Wir sollten uns dieser Mündigkeit bewusst werden und sie uns nicht vom Geld nehmen lassen.

Quellensammlung:

  • Arendt, Hannah. 2002. „Vita activa oder vom tätigen Leben“.
  • Kommunale Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsvereinfachung (KGSt). 1997. „Von der Kulturverwaltung zum Kulturmanagement im Neuen Steuerungsmodell. Aufgaben und Produkte im Bereich Kultur (Bd. 3)“.
  • Niephaus, Yasmin. „Ökonomisierung: Diagnose und Analyse auf der Grundlage feldtheoretischer Überlegungen“.
  • Heinrich-Böll-Stiftung. „Kommunaler Entschuldungsfonds (Rheinland-Pfalz)“. Hier abrufbar.
  • Schaal, Gary S.; Lemke, Matthia; Ritzi Claudia (Hrsg.). 2014. „Die Ökonomisierung der Politik in Deutschland. Eine vergleichende Politikfeldanalyse“.
  • Lindqvist, Katja. 2012. „Effects of public sector reforms on the management of cultural organizations in Europe“. International Studies of Management & Organization, 42(2), 9–28.
  • Bartella, Raimund; Hebborn, Klaus. 2010. „Enwicklungen und Probleme der kommunalen Kulturförderung“, In: Kulturpolitische Mitteilungen, Nr. 131, IV/2010, S.33-38.
  • Stadtverwaltung Zweibrücken. „Was ist der kommunale Entscheidungsfond Rheinland-Pfalz?“. Hier abrufbar.
  • Landesregierung Rheinland-Pfalz. „Über uns“. Hier abrufbar.
  • Wikipedia. „Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion“. Hier abrufbar.