Geschichten, die ermutigen und inspirieren – ein Interview mit Lars Hochmann

Foto des Webauftritts des Magazins "Gelingensgeschichten"

Ende 2021 ging das Magazin www.gelingensgeschichten.de, initiiert und umgesetzt von Prof. Dr. Lars Hochmann, online. Das „Magazin mit Möglichkeitssinn“ schafft eine Plattform für Erzählungen gelingender Transformation in unserer Gesellschaft. In unterschiedlichen Kategorien und Formaten zeigen Studierende und Dozierende der Cusanus Hochschule für Gesellschaftsgestaltung an konkreten Geschichten des Gelingens auf, wie unsere Gesellschaft eine bessere werden kann. Wir hatten die Gelegenheit, mit Lars Hochmann, Professor für Transformation und Unternehmung, über das Magazin zu sprechen.



Redaktion: Lieber Lars, danke, dass Du Dir Zeit nimmst, um mit uns über Dein neues Online-Magazin zu sprechen. Nach der kurzen Vorstellung in der Einleitung wäre es schön, wenn Du selbst beschreibst, was es mit diesem Magazin auf sich hat.

Lars Hochmann: Moin Leopold, das tue ich sehr gerne! Herzlichen Dank Dir für diese Gelegenheit. Das Magazin ist Teil unserer Vorstellung von guter Wissenschaft, dass nämlich Lehre, Forschung sowie gesellschaftlicher Dialog und Impact ganz eng beisammen hängen. Wir veröffentlichen daher studentische Forschungen aus der Lehre, die sich mit der Frage befassen, wie gesellschaftliche Transformationen gelingen. Diese Forschungsergebnisse sind recht plural. Manche arbeiten mit Methoden der Sozialforschung, andere verfassen Essays als philosophische Denkübungen, wieder andere dokumentieren ihre Eindrücke künstlerisch in einem Forschungstagebuch, in Fotostrecken oder Dokumentarfilmen. Allen Ansätzen ist gemeinsam, dass sie sich nicht in erster Linie an die Fachcommunity richten, sondern an ein breites gesellschaftliches Publikum.

Redaktion: Was genau sind „Geschichten des Gelingens“ und warum sind diese wichtig?

Lars Hochmann: Uns ist gesellschaftlich die Vorstellungskraft abhandengekommen – selbstverschuldet, muss ich hinzusetzen. Uns fehlen Visionen und Bilder von einer Zukunft sowie Erzählungen über sie, in der wir mit guten Gründen lieber leben würden. Zwar sind so ziemlich alle für Fortschritt, aber fortschreiten will kaum wer, zumindest, wenn das bedeutet, sich zu verändern. Wir werden uns aber verändern, weil die Bedingungen auf diesem Planeten im Wandel sind, insbesondere verschuldet durch die industriellen Ökonomien des globalen Nordens. In Bezug auf die genetische Vielfalt und die biochemischen Kreisläufe haben wir seit einer Reihe von Jahren die planetaren Belastungsgrenzen überschritten. Das heißt: Wir wissen nicht, welche Kaskade von Folgen und Folgesfolgen über uns hereinbrechen wird. Wir wissen nur, dass Extremwetterereignisse zunehmen, dass Pandemien zunehmen, dass ganze Landstriche unbewohnbar werden, Wertschöpfungsketten zusammenbrechen, Hungersnöte, Dürren, Hitzewellen und so weiter uns heimsuchen. Die Welt wird nicht untergehen, aber unbequemer wird sie werden, insbesondere für jene, die am wenigsten etwas dafürkönnen. Und deswegen werden wir uns ändern. Entweder, weil wir es wollen und diese Transformation nach unseren Vorstellungen gestalten oder aber, weil wir zum Spielball von Kräften werden, deren Ausmaß die Vorstellungskraft der allermeisten von uns sprengt. „Change is coming, by design or by disaster“, so bezeichnet es die Transformationsforschung. Das sind doch gute Nachrichten, oder? Denn wenn wir uns so oder so ändern werden, dann können wir uns nun der Frage zuwenden, wie wir denn stattdessen lieber leben wollen. Und genau hier kommen Geschichten des Gelingens ins Spiel: Sie machen greifbar, dass es auch ganz anders sein könnte – und dass dieses „anders“ eben durchaus auch „besser“ heißen kann, also mit mehr Verwirklichungschancen einhergehen kann.

Redaktion: Wer erzählt denn diese Geschichten genau?

Lars Hochmann: Die Geschichten erzählt das Leben selbst. Die Transformation der Gesellschaft findet nämlich längst statt. Häufig jedoch im Kleinen und ohne großes Aufsehen, ohne Scheinwerferlicht und Einlaufhymne. Es sind Transformatiönchen, kein großer Umsturz. In einem Studium an der Cusanus Hochschule für Gesellschaftsgestaltung können Studierende im Bachelor und im Master lernen, genau hinzugucken, nochmal nachzufragen und zu verstehen, was in der progressiven Wirtschaft passiert. Dozierende stehen ihnen dafür zur Seite und befähigen sie, das Unscheinbare wahrzunehmen, die Nuancen zu erkennen, die entscheidenden Fragen zu stellen und das Neue im Alten zu entwerfen. Gemeinsam dokumentieren sie diese Geschichten des Gelingens und geben damit jenen eine Stimme, die heute noch keine haben. Formal gesprochen sind die Geschichten begutachtete und überarbeitete Prüfungsleistungen oder Nachweise aktiver Teilnahme am Seminar – nur eben mit Impact statt für das Archiv. Und meine Aufgabe ist dann eigentlich bloß noch, gemeinsam mit den Autor:innen und Levi, dem Redakteur des Magazins, diese Geschichten für die Veröffentlichung vorzubereiten und sie schlussendlich zu publizieren.

Redaktion: Auf der Startseite des Magazins steht, dass eine bessere Gesellschaft gestaltbar sei. Was bedeutet das und was haben die Inhalte des Magazins damit zu tun?

Lars Hochmann: Wie wir als Menschen beisammen und miteinander sind, hängt von unserem Tun und Lassen ab. Keine höhere Instanz bestimmt darüber in Demokratien: kein Gott, kein Staat und keine unsichtbaren Hände. Damit meine ich nicht, dass alles, was wir uns erträumen, auch eins zu eins umsetzbar ist. Es ist aber auch nicht so, dass wir gar nichts tun können. Gesellschaft ist kein Zufall: sie fällt nicht vom Himmel und auch nicht von Bäumen. Sie entsteht als soziale Praxis und ist dadurch zweifellos bedingt und in vielerlei Hinsicht präfiguriert. Aber sie ist eben doch gestaltbar. Wenn wir uns entschließen, anders mobil zu sein, uns anders zu ernähren, anders zu wohnen und so weiter, dann können wir das gestalten. Wir verstehen unser Magazin als Futter für die Fantasie, um die Sehnsucht danach zu wecken.

Redaktion: Welche Leser:innen wollt ihr erreichen und auf was können sich diese in den nächsten Wochen und Monaten freuen?

Lars Hochmann: Wir möchten für jene da sein, die was anders machen wollen und noch Inspiration suchen. Aber wir richten uns auch an solche Menschen, die sorgenvoll in die Zukunft blicken, denen diese ganze Transformationsdebatte zu schnell geht und die lieber möchten, dass alles beim Alten bleibt. Weil wir uns als Gesellschaft ändern werden, richten wir uns per definitionem an alle. An die Skeptischen und die Aufgeschlossenen, an die Neugierigen und die Ablehnenden, an die Distanzierten und die Engagierten gleichermaßen. Ihnen allen wollen wir zeigen und Mut machen: eine bessere Welt ist möglich, und sie macht Spaß, bringt Freude und mehr Freiheiten für uns. Was die Leser:innen jeweils daraus machen, liegt natürlich bei jeder und jedem selbst. Zukünftig werden wir einerseits die bestehenden Rubriken „Begegnungen“ und „Blickwinkel“ weiter ausfüllen. Das heißt, es wird weitere Interviews, Filme, Podcasts und Essays geben. Andererseits arbeiten wir auch an neuen Rubriken. In den kommenden Monaten wird zum Beispiel die Rubrik „Befähigungen“ kommen, in der wir kleine, alltagstaugliche Methoden-Tools zur Transformation von Organisationen veröffentlichen. Wer Gesellschaft gestalten will, kommt schließlich nicht an Unternehmen und an Organisationen im Allgemeinen vorbei. Ein neues Buch mit studentischer Forschung dazu ist auch unterwegs. Es bleibt spannend – wir fangen gerade erst an!

Redaktion: Herzlichen Dank für das Gespräch und ich persönlich freue mich schon auf die weiteren Beiträge auf www.gelingensgeschichten.de.

Das Gespräch führte Leopold Lorenzoni