Narrative und Imaginationen des Wirtschaftens: Austausch mit Wirtschaftsnobelpreisträger Robert J. Shiller

Ende November dieses Jahres fand die von der Evangelischen Akademie Tutzing veranstaltete Online-Tagung mit dem Titel „Ökonomische Narrative im Kontext von Krisen“ statt. Die Tagung diskutierte aus kommunikations- und wirtschaftswissenschaftlicher, politischer und psychologischer Perspektive die Rolle von Narrativen bei ökonomischen und anderen Entscheidungen von Menschen – insbesondere in Krisensituationen. Damit bot sie eine große Schnittmenge zu den Forschungsthemen am Institut für Ökonomie der Cusanus Hochschule für Gesellschaftsgestaltung, insbesondere im Bereich der Imaginations- und Narrationsforschung des Ökonomischen.

 

Zu den geladenen Vortragenden aus Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft zählte Robert J. Shiller, Träger des Nobelpreises der Wirtschaftswissenschaften 2013 und Autor des Buches „Narrative Economics“. In seinem Vortrag und der anschließenden Diskussion betonte er die enorme Bedeutung von Narrativen für den wirtschaftlichen Wandel, was aber bislang von den meisten Ökonom*innen weithin ignoriert werde. Dieses Manko führte er auf einen grundlegenden Konflikt mit den elementaren Gegebenheiten einer komplexen Realität zurück. So sei es Vertreter*innen des Faches aufgrund ihres Festhaltens an einem abstrakten Modellplatonismus nicht möglich, Erklärungen für eine immanent widersprüchliche und dynamische Wirtschaftsrealität zu finden. Shiller beklagte, dass Studierende und Nachwuchsforscherinnen heute oft zu ängstlich seien, um Neues zu wagen. “They should be much more interested in original research” mahnte er und richtete an ihre Adresse: “Be adventurous!”

 

Im Anschluss stellte Silja Graupe ihre jüngste Forschung zu einem neuen Erkenntnisparadigma für die Volkswirtschaftslehre vor. Ein solches sei nötig, um die Vorstellungskraft überhaupt sichtbar und sprachfähig zu machen und die Gestaltungsfähigkeit des Menschen etwa im Bereich des Narrativen und Imaginativen zu beleben. Graupe unterstrich: “Um die Engführungen der Ökonomie zu überwinden, die Shiller zu Recht kritisiert, braucht es einen grundlegenden Paradigmenwechsel bezüglich unseres Verständnisses von der menschlichen Erkenntnisfähigkeit. Durch ihn werden wirklich neue Einsichten möglich, die den Menschen als imaginatives Wesen mit der Fähigkeit zu einer zukunftsfähigen Gesellschaftsgestaltung begreifen.“