Neue Studie zur Pluralität im wirtschaftspolitischen Journalismus

Die gegenwärtigen gesellschaftlichen Krisen gehen mit komplexen wirtschaftlichen und wirtschaftspolitischen Fragen einher und stellen nicht zuletzt den Wirtschaftsjournalismus vor die Herausforderung, komplexe Sachverhalte verständlich aufzubereiten und mit vielfältigen Perspektiven zu einer demokratischen Meinungsbildung beizutragen.

In den letzten Jahren ist insbesondere die wirtschaftspolitische Berichterstattung zunehmend in die Kritik geraten, sowohl thematisch nicht vielfältig genug zu berichten als auch bei der Heranziehung von  ökonomischer Expertise unausgewogen zu sein. Dies mag auch ein Spiegel der Lage in  der Wirtschaftswissenschaft selbst sein, wo mittlerweile seit zwei Jahrzehnten eine Pluralismus-Debatte geführt wird.

In der nun bei der Otto Brenner Stiftung (OBS) in Print und Open-Access erschienenen und von ihr geförderten Studie „Qualifiziert für die Zukunft? Zur Pluralität der wirtschaftsjournalistischen Ausbildung in Deutschland“, die Valentin Sagvosdkin, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Cusanus Hochschule für Gesellschaftsgestaltung, durchgeführt hat, werden diese beiden Debatten erstmals zusammengeführt.

 

In der Studie wurden grundlegende Qualifizierungszugänge für den Wirtschaftsjournalismus identifiziert und über 300 Lehrveranstaltungen aus 17 Studiengängen von neun Universitäten und Hochschulen mit zwei voneinander unabhängigen Konzeptionen im Hinblick auf ökonomische „Pluralität“ untersucht. Zudem wird begutachtet, inwieweit reflexive und kontextualisierende Fächer wie etwa Wirtschafts- und Ideengeschichte, Wissenschaftstheorie oder Nachhaltigkeit für angehende Wirtschaftsjournalist:innen angeboten werden.

 

Dabei zeigt sich, dass angehenden Wirtschaftsjournalist:innen durchschnittlich rund 80%  „orthodoxe“ Sichtweisen auf die Wirtschaft vermittelt werden. In den prägenden Grundlagenveranstaltungen sind es sogar rund 90%. Der Anteil reflexiver Fächer liegt meist deutlich unter 20%, bei vielen Studiengängen fehlen sie gänzlich.

 

„Vermutlich ist den wenigsten angehenden Wirtschaftsjournalist:innen bewusst, dass sie in ihrer Ausbildung in Deutschland statt einem fundierten, breitgefächerten ökonomischen Fachwissen  überwiegend eine neoklassische Monokultur vermittelt bekommen. Eine Berichterstattung, die sich allein auf solche Expertise stützt, ist im besten Fall fachlich inadäquat, im schlechtesten Fall ist sie unabsichtlich politisch gefärbt“, so Valentin Sagvosdkin.

Der Studienautor plädiert daher dafür, ökonomische Pluralität und Reflexivität als Qualitätskriterien im Wirtschaftsjournalismus zu etablieren und benennt in der Studie konkrete Bausteine dafür. So würde beispielweise ein Überblicks- und Kontextwissen zur Pluralen Ökonomik es Journalist:innen erleichtern, Aussagen von Ökonom:innen einzuordnen, proaktiv kontroverse Standpunkte  einzubeziehen und dadurch multiperspektivisch und vielfältig zu informieren.

 

Jupp Legrand, Geschäftsführer der Otto Brenner Stiftung, bezeichnet die Studie als „Weckruf“. Der Wirtschaftsjournalismus müsse sich von der ökonomischen Orthodoxie emanzipieren und angehende Journalist:innen müssten für die vielfältigen Transformationen der Zukunft gestärkt werden, so sein Plädoyer.