Rückblick: Workshop – Die Rezeption der Philosophie Immanuel Kants um 1900

Am 26. Oktober 2018 fand der öffentliche und gut besuchte Kant-Workshop zur Rezeption der Philosophie Immanuel Kants um 1900 am Interdisziplinären Zentrum für Pietismusforschung in Halle statt.
Eines der wichtigsten Ergebnisse war die Einsicht, dass die so unterschiedliche Geschichte der Rezeption Kants zugleich seine Wirkungsgeschichte bildet: Die Rezeptionsgeschichte ‚ist‘ die Wirkungsgeschichte.

Wie bereits in der Einführung des Veranstalters Prof. Dr. Friedemann Stengel (Institut für Historische Theologie, Halle) an einem Beispiel deutlich wurde, ist Kant – u.a. mit seiner vorkritischen Schrift „Träume eines Geistersehers“ – aus ganz unterschiedlichen Motiven als Gewährsautor für die Unsterblichkeitslehre in Anspruch genommen worden. Hauke Heidenreich (Halle) betonte u.a. die politische Dimension des Kategorischen Imperativs, beispielsweise wenn das Leben zu geben im Krieg aus ‚reiner Pflicht‘ gerechtfertigt wurde oder auch mit dem Ziel der Stiftung einer deutschen Identität.
Aleksandra Ambrozy (Halle) legte u.a. die verblüffende Tatsache dar, dass in Frankreich von einer „Heimholung Kants ins Land der Freiheit“ die Rede war. Noch längst nicht erschöpfend beantwortet ist die Frage nach Nietzsches Kant-Rezeption, wie Valentina Dafne de Vita (Halle) verdeutlichte. Dass sich die lebendigen Kant-Debatten bis ins erste Drittel des 20. Jhs. erstreckten, ging aus dem Beitrag von Kirstin Zeyer (Bernkastel-Kues) zu Cassirers Kant hervor. Constantin Paul (Halle) verdeutlichte eine kritisch-distanzierte („dünnes Vernunftblut“) und vorsichtig psychologisierende Kant-Lektüre Diltheys.
Mit Emil Lask, einem Schüler von Heinrich Rickert, präsentierte Martin Bunte (Münster) einen bisher wenig beachteten Autor, der u.a. die strikte Trennung von ‚Geltung‘ und ‚Sein‘ kritisierte. Nina Dmitrieva (Kaliningrad/Moskau) veranschaulichte im Hinblick auf den frühen russischen Neukantianismus, dass und wie seine Wirkung Spuren bis in die 1960er Jahre hinein hinterließ.

Die vielschichtigen Debattenlagen um 1900 geben der Forschung auch weiterhin Aufgaben auf.

Den Flyer zur Tagung finden Sie hier.