„Verantwortlich handeln. Ethische Bildung in fragilen Zeiten“ – Vortrag von Prof. Dr. Silja Graupe auf der Konferenz „Ethik der Transformation“

Prof. Silja Graupe und Prof. Gert Scobel

Über die Notwendigkeit der Transformation wird angesichts der Krisen unserer Zeit in allen Bereichen der Gesellschaft diskutiert. Eine wissenschaftliche Konferenz des Zentrums für Ethik und Verantwortung (ZEV) der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg am 26. Oktober 2022 in Bonn mit dem Thema „Ethik der Transformation“ nahm die Frage in den Blick, welche ethischen Grundlagen zum Gelingen von Transformationsprozessen beitragen können. Im Zentrum standen der sozialökologische Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft und die Digitalisierung, die der Gastgeber Prof. Dr. Hartmut Ihne in seiner Einführung als die beiden großen Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte bezeichnete. Wissenschaftler:innen aus den Bereichen Psychologie und Sozialpsychologie, Soziologie, Ökonomie, Politikwissenschaft und Umweltethik erörterten die unterschiedlichen Herausforderungen, die sich für ihre Disziplinen ergeben, mit der Zielsetzung, gemeinsam ethische Ansätze zu identifizieren, die eine aktive Gestaltung von Transformationsprozessen ermöglichen. Moderiert wurde die Veranstaltung von Prof. Gert Scobel.

Prof. Dr. Hartmut Ihne (Präsident der Hochschule Bonn Rhein-Sieg) verwies auf die besondere Rolle der Wissenschaft: Einerseits durch die Forschung über Transformation, aber auch als transformative Forschung, die akademisches Wissen in die Praxis einbringt. In ihren Keynotes erläuterten der renommierte Nachhaltigkeitsforscher Prof. Dr. Ulrich von Weizsäcker und der Sozialpsychologe Prof. Dr. Harald Welzer die zunehmende Verschärfung des Klimawandels und der globalen Ungerechtigkeit. Dies sei nicht nur Folge eines falschen Bewusstseins, sondern vor allem von mangelndem Willen zum Handeln, den Harald Welzer in seiner „Un-Ethik der vermiedenen Transformationen“ nachzeichnete. Beide unterstrichen die Notwendigkeit eines radikalen Paradigmenwechsels in der Auffassung von Mensch und Natur wie auch in der Lebensweise jedes Einzelnen. Ausschlaggebend für den Anstoß einer globalen Transformation sei jedoch die Fähigkeit das vorhandene Wissen praktisch umzusetzen.

Prof. Dr. Silja Graupe (Präsidentin der Cusanus Hochschule für Gesellschaftsgestaltung) knüpfte mit ihrem Vortrag „Verantwortlich handeln. Ethische Bildung in fragilen Zeiten“ an diese Einsichten an. Sie sieht in der Bildung einen Schlüssel für die erfolgreiche Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft. Auch im Bildungsbereich mangele es nicht an abstraktem, reproduziertem Wissen, sondern an der Vermittlung der Fähigkeit in der Praxis verantwortlich zu handeln. Insbesondere in der Wirtschaftswissenschaft komme es darauf an, innovative Ansätze einer ethischen und transformativen Bildung zu entwickeln. Das bedeute vor allem eine Abkehr vom Menschenbild des homo oeconomicus und der Vorstellung, dass ökonomische Entscheidungen ausschließlich rational getroffen würden. Dass Verantwortliche in Unternehmen in unübersichtlichen Krisensituationen ihre Entscheidungen eher intuitiv-spontan und mehr aus Verantwortungsgefühl als aus ökonomischem Kalkül treffen, belegte sie mit den Ergebnissen ihrer Umfrage bei 600 Entscheidungsträger:innen während der Corona-Pandemie.

Für eine ethische Bildung, die im Sinne einer Wirkungsethik eine aktivierende Rolle in transformativen Prozessen entfalten kann, steht ihr Modell des „transformativen Lernens“. Kernpunkte dieses Bildungskonzepts sind „neu sein“, d.h. einen neuen Handlungskompass auszubilden, „neu denken“, d.h. alte Paradigmen aufzulösen sowie Visionen und Strategien zu entwickeln, und „neu handeln“, d.h. neue Praktiken verantwortlichen Handelns zu erproben. Damit schloss sie sich der Forderung ihres Panel-Gesprächspartners Prof. Dr. Stephan Brunnhuber (Psychiater und Soziologe) an, der verdeutlicht hatte, dass für eine kollektive Veränderung „neue soziale Mechanismen“ notwendig seien, die sich an ethischen Prinzipien wie Verantwortung und Vorsorge ausrichten müssten.

Veränderung, so Silja Graupe, kann durch einen allmählichen Wandel innerhalb des Systems geschehen, aber auch disruptiv. Übertragen auf den Bildungsbereich bedeutet das die Weiterentwicklung der bestehenden Institutionen und Disziplinen oder aber die Neugründung einer Hochschule wie der Cusanus Hochschule für Gesellschaftsgestaltung. „Einfach mal machen!“ ist ihr Fazit.

Den Vortrag von Prof. Dr. Silja Graupe können Sie hier als Video ansehen.